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06. Jan 2007

Der Osten darf auch kosten

Die Kaufpreise für Altbauwohnungen in Ost-Berlin überflügeln teilweise das Westniveau.

Eigentlich wollte Hanno Baethe nur ungern in den Ostteil Berlins, als er und seine Frau vor knapp fünf Jahren eine Eigentumswohnung suchten. "Ich war ein eingefleischter Westler", sagt Baethe und schaukelt die neun Monate alte Tochter Suraya im Arm. Trotzdem ist er mit Familie in den Osten gezogen - weil Wohnung und Lage so attraktiv waren. Baethes Entscheidung ist ein gutes Beispiel für einen Trend: Der Osten ist so beliebt, dass dort jetzt teils höhere Immobilienpreise als im Westen gezahlt werden. Das hat der Ring Deutscher Makler (RDM) für seinen aktuellen Preisspiegel ermittelt.

Der 55-Jährige und seine Frau Zaki Omar, 45, beide Hochschulprofessoren, wurden damals in der Kollwitzstraße fündig: Nach einer selbst gestalteten Sanierung wohnen sie seit drei Jahren auf 160 Quadratmetern im vierten Stock eines Gründerzeitbaus, mit zwei Balkonen, Eichenparkett und einer noblen Edelstahlküche. Nur das Chaos, angerichtet von der kleinen Suraya mit Töpfen und Spielzeug, bricht das Bild der eleganten Wohnung ein wenig.

Ausschlaggebend für Baethe war letztlich der Kiez: "Ich dachte, dass es hier arg yuppiemäßig sein könnte. Aber dann haben wir uns umgeschaut und fanden es toll: viele junge Leute, gute Kneipen, die wunderschöne, geschlossene Altbaustruktur." Auch Zaki Omar hat sich gleich wohl gefühlt, der gebürtigen Malaysierin gefällt das internationale Publikum. Der wilde Osten, das war einmal. Nicht nur Studenten und junge Kreative zieht es dorthin, sondern auch ein arriviertes, zahlungskräftiges Publikum. Fast ganz Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain und auch andere Teile im Ostteil sind inzwischen begehrte Wohnlagen - das schlägt sich auch in den Immobilienpreisen nieder. Wer eine Eigentumswohnung in einem sanierten Haus der Baujahrgänge bis 1918 kaufen will, muss dafür in den östlichen Bezirken der Stadt mehr bezahlen als in den westlichen. Eine Ost-Wohnung mit guter Ausstattung in guter Lage kostet nach dem jüngsten Preisspiegel des RDM pro Quadratmeter im Durchschnitt 1 700 Euro, während im Westen 1 600 Euro bezahlt werden. Diese Wohnungen liegen in der Regel in verkehrsberuhigten Zonen mit geringer Lärmbelästigung. Selbst Eigentumswohnungen mit mittlerem Wohnwert sind mit 1 400 Euro pro Quadratmeter in den östlichen Bezirken teurer als vergleichbare in den westlichen Bezirken mit einem Quadratmeterpreis von 1 300 Euro. Eigentumswohnungen in einfacher Lage, zum Beispiel an Hauptverkehrsstraßen, kosten in Ost wie West durchschnittlich 800 Euro je Quadratmeter.

Altbauwohnungen mit sehr guter Ausstattung in Toplagen wie am Charlottenburger Savignyplatz, die eine in Berlin einmalige Bausubstanz und Großzügigkeit bieten, sind inzwischen von den besten Ost-Wohnungen eingeholt worden. Quadratmeterpreise bis zu 2 500 Euro müssen in beiden Fällen gezahlt werden. RDM-Chef Thomas Wernicke ist bei einer Prognose zur Preisentwicklung im neuen Jahr allerdings vorsichtig: In den guten Lagen sei bereits "ein hoher Level erreicht", sagt er. In Einzelfällen seien Preissteigerungen aber noch möglich. Auch das Professorenpaar hat eine Stange Geld für seine Traumwohnung Ost bezahlt; an den 2 500 Euro sei man in etwa dran gewesen. "Auch vor fünf Jahren waren die Wohnungen um den Kollwitzplatz herum mit Sicherheit kein Schnäppchen", sagt Baethe. "Für das gleiche Geld hätten wir auch am Savignyplatz etwas gefunden." Ob die Preise steigen oder sinken, ist dem Paar ohnehin egal. "Wir wollen nicht verkaufen: Die Infrastruktur für das Kind ist perfekt, wir fühlen uns wohl hier." Und die neuen Nachbarn? Die Angst von manch eingefleischtem Wessi, die Altbewohner im Osten könnten Zugezogene ablehnen, ist unbegründet. Das ist zumindest die Erfahrung von Hanno Baethe: "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu den Altmietern, die Hausgemeinschaft versteht sich hervorragend."

Wer anders als die Professorenfamilie auf steigende Immobilienpreise spekuliert, sollte statt in den teuren innerstädtischen Bezirken lieber in der Nachbarschaft des geplanten Großflughafens in Schönefeld kaufen. Eugen Schnoor, Vorsitzender des Bewertungsausschusses für Grundstückswerte im RDM, erwartet, dass die Preise für Grundstücke in der Nachbargemeinde Bohnsdorf in den kommenden fünf Jahren um etwa 30 Prozent steigen - von 90 bis 100 Euro, die jetzt für einen Quadratmeter Bauland gezahlt werden, auf 130 Euro. Auch in der Umgebung des Münchner Flughafens seien die Preise durch den Airport nach oben gegangen, sagt er. Nur Grundstücksbesitzer "in der Kerosinschleppe" des Flughafens könnten nicht mit einem Anstieg der Preise rechnen.

Investoren entdecken Neukölln
Der Südwesten Berlins ist bei den Immobilienkäufern nach wie vor sehr beliebt. In Steglitz-Zehlendorf wurden in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres die meisten Verkäufe unter allen Bezirken registriert. Der Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum zeigt, das sich die Zahl der Verkäufe aber etwas verringert hat. Die City-Bezirke Pankow, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg verzeichnen die stärksten Zuwächse. Sie werden immer begehrter. Die vermehrten Verkäufe in Neukölln erklären Experten mit dem begrenzten Angebot in anderen Bezirken.

Ulrich Paul, Jakob Schlandt

© Berliner Zeitung Online

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